• Isabella de Krassny

Sonnenaufgang*

Der Schweizer Maschinenbauer für die Solarindustrie, Meyer Burger, ändert sein Geschäftsmodell um 180 Grad. Durch eine umfangreiche Restrukturierung will er nun zum größten Produzenten von Solarmodulen in Europa aufsteigen.

*Original-PDF am Ende des Artikels


Es gibt wohl kein kristallines Siliziummodul auf den Dächern dieser Welt, das nicht in irgendeiner Weise unsere Technologie enthält“, ist sich der CEO von Meyer Burger, Günter Erfurt, sicher. Er geht in seiner Aussage sogar noch weiter: „Die gesamte chinesische Solarindustrie würde ohne Meyer Burger nicht dort stehen, wo sie heute ist.“ Trotz dieser technologischen Vormachtstellung gelang es dem Schweizer Unternehmen über Jahre nicht, positive Ergebnisse zu erzielen. Im Gegenteil: Hohe Verluste häuften sich an und brachten Meyer Burger in eine bedrohliche

Schieflage.


Strategiewechsel

Nun soll alles anders werden. In einem gigantischen Kraftakt wird die Strategie von Meyer Burger geändert. Von einem durch Zyklizität geplagten Maschinenbauer soll ein technologisch führender Hersteller von Solarzellen und Solarmodulen in Deutschland werden. Die Aktionäre unterstützen diese gewagte Strategie mit einem Kapitalzuschuss von 165 Millionen Schweizer Franken. Dazu Mark Kerekes, mittlerweile Verwaltungsrat von Meyer Burger, Vertreter des größten Aktionärs der Gesellschaft und treibende Kraft hinter dem Kurswechsel: „Wir haben uns das sehr, sehr gut überlegt. Wir werden unsere Maschinen für die Heterojunction/Smartwire-Technologie nur mehr exklusiv für den eigenen Gebrauch herstellen, womit wir für alle Aktionäre einen beträchtlichen Mehrwert generieren können.“ Diesem Strategiewechsel ging allerdings ein harter Kampf gegen die ehemaligen Organe der Gesellschaft, die eigene Pläne verfolgten, voraus. Jetzt gilt es, in die Hände zu spucken und die Ärmel hochzukrempeln. Bereiche, die nicht mehr zum Kerngeschäft gehören, wurden kurzerhand verkauft. So ging erst vor wenigen Tagen der Unternehmensbereich Mikrowelle- und Plasma-Technologie um 24 Millionen Franken an den Private Equity Investor HQ Equity.


Made in Europe

Der nächste erfolgreiche Schachzug gelang durch die Übernahme der Patente, Produktionsanlagen, Markenrechte und 33.000 m2 an Gebäuden der 2007 in die Insolvenz geschlitterten Solarworld für nur 12 Millionen Euro. Kostensparend wird die bestehende Infrastruktur genützt, um mit der proprietären Technologie der Meyer Burger hocheffizient Solarzellen herzustellen. Bereits im 1. Halbjahr 2021 sollen in einer ersten Ausbaustufe 400 MW Solarzellen und 400 MW Solarmodule produziert werden. Bis 2027 wird dann die Kapazität stufenweise auf fünf Gigawatt (GW) ausgebaut. Derzeit beträgt die in Europa installierte Gesamtleistung 100 GW, diese stieg gerade in den letzten Jahren aufgrund der stark gefallenen Modulpreise exponentiell an. Die Entscheidung, die Zellproduktion in Europa für Europa aufzubauen, hat nicht nur deutliche Transportkostenvorteile, sondern ist auch industriepolitisch clever, um sich aus der Abhängigkeit von chinesischen Lieferanten zu lösen. Immerhin wird die Photovoltaik als das „Öl der Zukunft“ im Hinblick auf den Klimawandel und den vermehrt angestrebten Energieversorgungsgrad aus umweltfreundlicher Energie gesehen. Auch, weil mittlerweile die Stromproduktion aus Sonnenenergie preislich konkurrenzfähig zu allen anderen Stromgewinnungsarten ist. Das lässt für die Photovoltaik wieder eine glänzende Zukunft erwarten.


Technologieführer

Die von Meyer Burger perfektionierte Heterojunction- und die Smart Wire Connection-Technologie sind weltweit in Sachen Effizienz führend und sollen nicht mehr weiter dem Mitbewerb zur Verfügung gestellt werden. Gegenüber den Produkten der Konkurrenz liegt der Stromertrag um rund 20 Prozent höher auf die gesamte Laufzeit von 30 Jahren gesehen. Bestätigt wird die Technologieführerschaft und die Machbarkeit der Pläne vom Frauenhofer Institut. Gelingt der geplante Strategiewandel, würde die Gewinnschwelle 2023 erreicht werden. Der weitere Ausbau würde Meyer Burger in die Lage versetzen, ab 2028 rund zwei Milliarden Franken Umsatz bei einer EBITDA-Marge von 30 Prozent zu erzielen. Diese Cash Cow mit hohem Free Cashflow würde die Aktionäre freuen. Aber es kann auch ganz anders kommen: Sollten die Chinesen ihre Felle davonschwimmen sehen, könnten sie Meyer Burger kurzerhand übernehmen.



 

Gunter Erfurt, CEO der Meyer Burger Technologies AG - INTERVIEW

„Mit unserer Heterojunction/SmartWire-Technologie, könnenwir hochqualitative PV-Zellen und -Module in Deutschland um gut 20 Prozent günstiger produzieren als die Konkurrenz.“

Jahrelange Verluste haben einen Strategiewechsel bei Meyer Burger erzwungen, den Sie nun als CEO umsetzen werden. Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Risiken?


Mit dem Strategiewechsel werden wir die Heterojunction/SmartWire-Produktionsmaschinen nur noch für den eigenen Gebrauch herstellen und werden so zum technologisch führenden Hersteller von Solarzellen und Solarmodulen. Die größten Herausforderungen der nächsten Monate sind das Hochfahren der Produktion sowie die Einstellung von Facharbeitern, Ingenieuren und Vertriebskräften. Das lässt sich aber bewältigen.


Schon einmal gingen aufgrund politischer Fehlentscheidungen 70.000 Arbeitsplätze in der deutschen Solarindustrie verloren. Wieso sollte es nun gelingen, einen europäischen Solarproduzenten erfolgreich zu positionieren?

Die Solarkrise war eine schmerzhafte Erfahrung für die ganze Branche. Ich bin allerdings sehr zuversichtlich, dass wir mit unserem Strategiewechsel Erfolg haben werden. Das liegt vor allem an unserer Heterojunction/ SmartWire-Technologie. Das ist die derzeit vielversprechendste Technologie, um den nächsten Leistungssprung der Industrie voranzutreiben. Unsere Hochleistungsmodule ermöglichen eine wettbewerbsfähige Fertigung von PV-Modulen mit vergleichsweise geringen Produktionskosten. Ein hoher Automatisierungsgrad minimiert dabei den Anteil der Lohnkosten. Zusätzlich fallen beim Vertrieb in Europa die Transportkosten aus Asien weg, die bis zu zehn Prozent der Gesamtkosten von PV-Modulen ausmachen. Politisch und gesellschaftlich spüren wir derzeit viel Rückenwind, aber unser Business Case basiert auf unserer technologischen Führerschaft und nicht auf politischen Entscheidungen.


Wer sind in Zukunft Ihre Kunden? Wie werden Sie diese effizient erreichen?

Unsere Kunden finden wir in einem ersten Schritt in Europa, hier haben wir ein etabliertes Netzwerk. Die geografische Nähe zu den Produktionsstandorten vereinfacht den Vertrieb. In einem zweiten Schritt werden wir dann den US-Markt angehen, gefolgt von Australien und Japan. Zunächst fokussieren wir uns auf das Hausdachsegment, da es preislich sehr attraktiv ist. Mit seinen hohen Energie-Erträgen (hoher Effizienz) ist unser Produkt jedoch auch bestens für große Industriedächer und Solarparks geeignet.


Wieviel werden Sie in F&E investieren und mit welchem Forschungsschwerpunkt?

Wir haben in den vergangenen zwölf Jahren nicht nur unsere Heterojunction/SmartWire-Technologie entwickelt, sondern arbeiten bereits an den nächsten Generationen von Solarzellen. Unter anderen umfassen diese die Perowskit-Technologie, die wir gemeinsam mit unserem Partner Oxford PV seit einiger Zeit bereits vorantreiben.


Mit welchem Umsatz rechnen Sie in den nächsten fünf Jahren und mit welcher EBIT-Marge?

Wir rechnen mit einem Umsatz von 400 bis 450 Millionen Schweizer Franken und einer EBITDA-Marge von 25 bis 30 Prozent in den nächsten drei Jahren.


Der Original-Artikel erschien im GELD-Magazin, Ausgabe 09/2020 und ist abrufbar unter

https://www.geld-magazin.at/flipBooks/gm2009/62/index.html

Das PDF finden Sie hier:

GELD-Magazin, 09_2020
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