• Julie Zaugg

MEYER BURGER - PHÖNIX AUS DER ASCHE*

Aktualisiert: 10. Nov. 2020

Der massiv unter Druck geratene Schweizer Photovoltaik-Zulieferer hat einen Strategiewechsel eingeleitet und wird nun selbst Solarmodule herstellen. Ziel ist es, an China verlorene Marktanteile zurückzugewinnen.

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Katastrophale Ergebnisse, Streitereien zwischen Aktionären, Aktienkurs im freien Fall: Die Meyer Burger Gruppe mit Sitz in Thun schien im vergangenen März kurz vor der Schliessung zu stehen. Der Solarenergie-Spezialist hatte im Winter einen massiven Verlust von 39,7 Mio. Franken vermeldet. Das Minus fiel damit viermal höher aus als erwartet. CEO Hans Brändle kündigte daraufhin noch am selben Tag seinen Rücktritt für Ende März an, sodass die Zukunft des Unternehmens mehr als un- gewiss erschien. Angesichts dieser Unsicherheit fiel der Aktienkurs der Meyer Burger Gruppe um mehr als die Hälfte.

Würde sich der Schweizer Maschinenbauer in die Liste der gescheiterten Photovoltaik-Spezialisten einreihen – so wie das deutsche Unternehmen SolarWorld, das 2018 in die Insolvenz ging? Viel hat nicht dazu gefehlt. Doch seit März dieses Jahres scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Im Mai kündigte der neue CEO Gunter Erfurt einen Strategiewechsel an: Statt Herstellern von Solarpanels Maschinen für deren Fabriken zu liefern, wird das Thuner Unternehmen in Zukunft selbst Solarmodule herstellen. «Wir mussten feststellen, dass Meyer Burger als Maschinenlieferant trotz des technologischen Vorsprungs keine Gewinne erzielen kann», begründet CEO Gunter Erfurt die Neuausrichtung.

Grund hierfür ist, dass die Anlagen der Thuner Firma von der Konkurrenz kopiert und billiger verkauft wurden. «Jedes Mal, wenn Meyer Burger eine neue Maschinengeneration entwickelte, wurde die Technologie innerhalb von zwei oder drei Jahren in China kopiert, sodass das Unternehmen seinen Wettbewerbsvorteil verlor», sagt der bei Research Partners für das Unternehmen zuständige Analyst Eugen Perger. «Durch den Entscheid, die Anlagen nur noch für die eigene Fertigung zu nutzen, kann das Unternehmen sein geistiges Eigentum besser schützen.»

«Durch den Entschied, die Anlagen nur noch für die eigene Fertigung zu nutzen, kann das Unternehmen sein geistiges Eigentum besser schützen» (Eugen Perger, Analyst bei Research Partners)

Um diesen in der Solarindustrie beispiellosen Strategiewechsel zu finanzieren, hat Meyer Burger im Juli 165 Mio. Franken über eine Kapitalerhöhung eingesammelt. Darüber hinaus verkaufte die Gruppe mehrere Tochtergesellschaften, darunter den deutschen Hersteller für Mikrowellen- und Plasmasysteme Muegge, der als nicht strategischer Geschäftsbereich bezeichnet und Anfang August für 24 Mio. Franken veräussert wurde. Diese Mittel werden nun für den Aufbau von Produktionsanlagenim deutschen Solar Valley, einem Industriegebiet an der Autobahn Berlin-Leipzig, verwendet. Es war Anfang der 2000er-Jahre das Zentrum der deutschen Solarindustrie, doch heute stehen die Fabriken leer. In den Glanzzeiten der Branche waren hier 3’500 Menschen beschäftigt. Der Aufstieg der chinesischen Solarindustrie stoppte dieses Wachstum. Die Konkurrenz aus Fernost überschwemmte den Markt mit billigen Solarmodulen, was die Preise um etwa 80 Prozent einbrechen liess. Zwischen 2004 und 2014 hat sich die Solarzellenproduktion in China laut einer im Fachmagazin «Nature» veröffentlichten Studie verhundertfacht. Diese Dominanz des Reichs der Mitte führte im deutschen Solar Valley zu einer Kaskade von Insolvenzen. Der CEO von Meyer Burger will diese Region nun wiederbeleben: «Die Fabriken für Solarzellen und -module sind bereits vorhanden, ebenso die Logistikinfrastruktur. Darüber hinaus gibt es viele Solarfachkräfte in der Region», so Gunter Erfurt. Höhere Personalkosten sind heute kein unüberwindbares Hindernis mehr. «Der hohe Automatisierungsgrad in der Photovoltaikproduktion hat den Bedarf an Arbeitskräften reduziert», bemerkt Edurne Zoco, Experte für er- neuerbare Energien bei IHS Markit.

«Solarenergie ist das Öl der Zukunft. Deshalb ist es wichtig, dass Europa hier weiterhin eine Rolle spielt» (Gunter Erfurt, CEO von Meyer Burger)

Für den Chef von Meyer Burger hat der Kampf gegen die chinesische Vorherrschaft auch eine ideologische Komponente: «Man darf die Produktion von Solarmodulen nicht China überlassen», betont Gunter Erfurt. «Solarenergie ist das Öl der Zukunft. Deshalb ist es wichtig, dass Europa hier weiterhin eine Rolle spielt.»

Im Solar Valley in Bitterfeld-Wolfen wird Meyer Burger Fabrikgebäude mit Flächen von 27’000 Quadratmetern anmieten, die zuvor vom deutschen Solarzellenhersteller Sovello genutzt wurden. Im 150 Kilometer entfernten Freiberg wird das Unternehmen auf einem 19’000 Quadratmeter grossen Gelände eine hochautomatisierte Modulfertigungslinie errichten, die es vom 2018 in Konkurs gegangenen deutschen Unternehmen SolarWorld erworben hat.

INTERNE MACHTKÄMPFE
Die Transformation von Meyer Burger ist das Ergebnis eines Machtkampfs zwischen dem Hauptaktionär und dem früheren Management. Der Richtungswechsel wurde seit Langem von Sentis Capital gefordert, einem aktivistischen Fonds des russischen Geschäftsmanns Pjotr Kondraschew, der rund 8 Prozent der Aktien der Berner Gruppe hält. Der damalige CEO Hans Brändle und Verwaltungsratspräsident Remo Lütolf hingegen waren dagegen. Sie sprachen sich dafür aus, Maschinen an eine Handvoll vertrauenswürdiger Kunden wie REC Solar aus Norwegen oder Oxford PV aus Deutschland zu liefern.

Die Spannungen erreichten im Herbst 2019 ihren Höhepunkt, als Sentis Capital versuchte, einen eigenen Vertreter in den Verwaltungsrat des Unternehmens wählen zu lassen. Der Streit gipfelte in einer turbulenten ausserordentlichen Generalversammlung, auf der die Mehrheit der 391 Aktionäre gegen die Wahl von Mark Kerekes, Co-Geschäftsführer von Sentis Capital, in den Verwaltungsrat von Meyer Burger stimmte.

Im März dieses Jahres kündigte das Unternehmen dann plötzlich an, dass Hans Brändle durch Gunter Erfurt ersetzt wird, einen Physiker, der 2015 zu Meyer Burger gestossen war und die Einführung der neuesten Technologie des Unternehmens leitete. «Wir befinden uns nun in einem konstruktiven Dialog mit Sentis Capital», erklärte das Unternehmen in einer Pressemitteilung und fügte hinzu, dass Mark Kerekes in den Verwaltungsrat eintreten werde.

Klarer Wettbewerbsvorteil Um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden, setzt der Meyer Burger Konzern, der seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in der Schweiz, vor allem am Standort in Hauterive NE, weiterführen wird, auf die Heterojunction- und SmartWire- Technologie. Dieses Produktionsver- fahren wird nun ausschliesslich von Meyer Burger genutzt, die Anlagen werden nicht mehr an Dritte verkauft. Dies dürfte dem Konzern einen klaren Wettbewerbsvorteil verschaffen. «Diese Technologie ist kostengünstiger und effizienter als alle anderen Lösungen, die derzeit am Markt verfügbar sind», versichert CEO Gunter Erfurt. «Mit ihr lässt sich mehr Energie pro Quadratmeter erreichen, ohne hohe Produktionskosten zu verursachen.» Ein von dem Schweizer Unternehmen beim deutschen Fraunhofer-Institut beauftragtes Gutachten bestätigt dies. «Die Photovoltaikmodule von Meyer Burger sind um 5 bis 10 Prozent effizienter als die der Konkurrenz», erklärt Ralf Preu, Bereichsleiter Photovoltaik am Fraunhofer-Institut. «Bei hohen Temperaturen verstärkt sich dieser Vorteil, da andere Solarzellen an Wirkungsgrad verlieren.»

Den Technologievorsprung der Solarmodule des Schweizer Unternehmens gegenüber den Modulen auf Basis von Mono-PERC-Zellen, die derzeit den Markt dominieren und in China in Massenproduktion hergestellt werden, schätzt der Experte auf drei Jahre. Sie sind auch günstiger in der Herstellung als andere Premium- Module wie die von Sun Power aus den USA und Panasonic aus Japan, weil sie rund 30 Prozent weniger Silber enthalten.


Private Hausbesitzer als Zielkunden

Eigenheimbesitzer, die ihre Dächer mit Solarmodulen ausstatten möchten, sind die Hauptkunden von Meyer Burger. «Eigenheimbesitzer haben in der Regel nur eine begrenzte Dachfläche zur Verfügung», erklärt Ralf Preu. «Daher ist es für sie von entscheidender Bedeutung, hocheffiziente Solarmodule verwenden zu können, um die Flächennutzung zu maximieren und gleichzeitig die Energiekosten zu minimieren.» Der Schwerpunkt wird zunächst auf dem europäischen Markt liegen. Dieser dürfte in den nächsten Jahren vor allem dank der Klimaverpflichtungen der Europäischen Union stark wachsen. Zwischen 2020 und 2024 werden in Europa nach den Prognosen von IHS Markit voraussichtlich Anlagen zur Gewinnung von rund 140 Gigawatt Solarenergie installiert werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 wurden die Kapazitäten in der EU um 16,7 Gigawatt erhöht.

Meyer Burger plant, die ersten Photovoltaikmodule Mitte 2021 in den Verkauf zu bringen. Bis 2025 will das Schweizer Unternehmen mit seiner Produktion ein Drittel der neu installierten Solarkapazitäten in Europa abdecken. Dazu muss es den Wettbewerbern aus China Markt- anteile abnehmen. «Das ist nicht einfach», sagt Edurne Zoco von IHS Markit. «Meyer Burger kann preislich nicht mit ihnen konkurrieren und wird bei Silizium-Wafern, die für die Herstellung von Solarzellen und Modulen benötigt werden und fast ausschliesslich in China produziert werden, weiterhin von China abhängig sein.»

ANALYSTENMEINUNG
KUNDENBASIS MUSS ERWEITERT WERDEN
Analyst Eugen Perger von Research Partners hält die neue Strategie von Meyer Burger für vielversprechend. Das Berner Unternehmen ist mit seiner Spitzentechnologie den Wettbewerbern weit voraus. Der Erfolg dieser Neuausrichtung wird aus seiner Sicht jedoch davon abhängen, ob man in der Lage ist, viele Privatkunden zu erreichen. Für ein Unternehmen, das in der Vergangenheit Maschinen an eine Handvoll sorgfältig ausgewählter Industriekunden verkauft hat, könnte dies eine Herausforderung darstellen. «Ohne eine breite Kundenbasis dürfte es schwierig werden, Banken und Investoren davon zu überzeugen, Kapital zur Finanzierung der neuen Projekte zur Verfügung zu stellen», so der Analyst weiter, der dennoch eine Kaufempfehlung für die Aktie von Meyer Burger ausgesprochen hat. Die Aktie ist nach seiner Ansicht derzeit unterbewertet. MBTN

*Der Original-Artikel erschien im SWISSQUOTE-Magazin Nr. 5 im November 2020 und ist abrufbar unter https://resources.swissquote.com/sites/default/files/2020-10/swi_5_epaper_de_0.pdf?_ga=2.187016621.422431788.1604314471-406213013.1568900468

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